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Ronsdorf - Kirche |
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Palmsonntag zum "Hungertuch" in die katholische Kirche
Am 28. März startet in der katholischen Kirche mit dem Palmsonntag die Karwoche. Die Messe in der Kirche St. Joseph an der Remscheider Straße beginnt um 11 Uhr. Vor- und nachher kann das neue, ungewöhnliche, von Ronsdorfer Frauen aus den christlichen Gemeinden gestaltete Fasten- und Hungertuch betrachtet werden
Datum der Veröffentlichung: 2010-03-06 |
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| Von Klaus-Günther Conrads - Freier Autor |
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Das Ronsdorfer Fasten- und Hungertuch 2010 Maria Schneider
Wie schon im vorigen Jahr, wollten wir auch in diesem Jahr ein Frauen-Bibel-Kunstprojekt durchführen. Eingeladen waren alle Frauen aus den christlichen Gemeinden Ronsdorfs, die Interesse an biblischen Texten haben und die Freude daran haben, diese Texte künstlerisch umzusetzen. Begleitet wurden wir von den Theologinnen aus den jeweiligen Gemeinden. Künstlerisch wurden wir von Hildegard Harwix und das Thema im vorigen Jahr war: "starke Frauen der Bibel".
Jeder Abend begann mit einem biblischen Referat. Dabei übernahm jede Theologin einen Abend. Wir haben gelesen, gehört und diskutiert. Wir haben festgestellt, biblische Texte gelesen oder gehört bleiben im Kopf und gehen ins Herz. Den gehörten und gelesenen Texten wollten wir Füße und Hände geben. Das hieß handeln und aufstehen, hieß aber auch, den Eindrücken Ausdruck zu verleihen. Und so haben wir Teilnehmerinnen mit den Ohren gehört, mit dem Kopf verstanden, mit dem Herzen gefühlt und schließlich mit den Händen umgesetzt, was uns wichtig wurde.
Diese gute Erfahrung wollten wir 2010 wiederholen, und die Anregung einer Teilnehmerin, doch einmal ein Hunger- oder Fastentuch zu entwerfen, hat uns gefallen.
Ende August 2009 haben wir uns zusammen mit Cordula Krause für fünf Texte aus dem Lukas-Evangelium entschlossen. Und auch in diesem Jahr unterstützten uns die Theologinnen der christlichen Gemeinden und Frau Harwix als Künstlerin.
Eine Einführung ins Lukas-Evangelium gab uns Cordula Krause. Die weiteren Bibeltexte, wie "Die "Heilung der gekrümmten Frau" übernahm Pfarrerin Ruth Knebel, "Die Segnung der Kinder" Pfarrerin Judith Denker, "Das Opfer der Witwe" Pfarrerin Carola Twardella und den Bibeltext "Maria und Martha" Pfarrerin Slupina Beck.
Wir nähten ein Leinentuch in der Größe von 3.20 x 3,20 m und färbten es in den Farben blau, grün, gelb und rot. Wir malten Gesichter und Figuren auf Sperrholzplatten, schnitzten sie aus und bedrucken damit das Tuch. Die Bilder sind das sichtbare Ergebnis der gemeinsamen Reflexion für die Texte aus dem Lukas-Evangelium.
Zu den Symbolen: Als Symbol des Lebens malten wir einen Baum. Den Baum als Realität von Leben. Für das Wasser die Farbe (blau), für die Erde (grün) und für das Licht (gelb und rot). Gleichzeitig wird der Baum zum Hinweis auf eine dahinter stehende Wirklichkeit. Blüten und Vögel für Lebensvielfalt.
Bilder aus dem Lukasevangelium Jesus, als der "Heilende", Hände als Zeichen der Hoffnung, Frauen, Kinder, Männer, Arme, Alte, Kranke und gescheiterte Menschen. Die Bibel hilft uns, dieses Leben im Licht des Evangeliums neu zu verstehen und zu erkennen, dass Gottes Verheißung für alle Menschen gilt. Die Bibel wird zum Licht, das die Gemeinde zu neuer Sicht und neuem Tun befähigt.
Was bedeutet uns das Malen und Drucken der Bilder? Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung. Eine Möglichkeit, mit dem inneren Selbst in Tuchfühlung zu bleiben. Die Motive und Themen der Bibel wollen wir in eine deutliche Beziehung zu den sozialen Problemen und Anliegen unserer Zeit setzen. Außerdem versuchen wir auch, eine Brücke zu schlagen zwischen unseren Themen und der Heilige Schrift.
Hungertücher in ihrer liturgie- und ideengeschichtlichen Bedeutung Erwin Mock
Der Begriff ist als sprichwörtliche Redensart allen geläufig. "Am Hungertuch nagen" heißt so viel wie arm sein, Hunger leiden. Die Hungertuch-Idee kennt dagegen kaum jemand. Sie entstammt einem fast tausendjährigen kirchlichen Brauch, mit einem solchen Tuch in der Fastenzeit den Altar sowie das Geschehen am Altar zu verhüllen. Seit 1976 erleben die Hungertücher bundesweit, ja weltweit eine ungeahnte Renaissance - dank der Initiative des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor.
Die Entstehung der Hungertücher Die Altarverhüllung durch das sogenannte "velum templi" lässt sich um das Jahr 1000 nachweisen. Ein gestickter Vorhang wird bereits in der Lebensbeschreibung des Abtes Hartmond von Sankt Gallen um 895 erwähnt. Fastentücher finden sich dann in den Consuetudines von Sankt Vannes zu Verdun Ende des 10. Jahrhunderts. Aelfric von Winchester († 1006) berichtet: "Ein Tuch wird zwischen Altar und Volk aufgezogen." In jedem Jahr wurde seit dieser Zeit vielerorts das Fastenvelum am Aschermittwoch oder am Samstag vor dem ersten Fastensonntag aufgezogen. Am Mittwoch in der Karwoche wurde dann das Tuch während der Komplet beim Beten des Passionstextes "et velum templi scissum est medium" - "und der Vorhang des Tempels riss" mittendurch" wieder abgenommen bzw. fallengelassen. Man kann sich diesen Brauch gut vorstellen; vielleicht war er untermalt von den Schlägen der klobigen Holzhämmer, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein während der Fastenzeit die Altarglocken ersetzten. Die Aufforderung, das Fastenvelum aufzuhängen, finden wir vor allem in den Liturgievorschriften jener Klöster, die sich der Reformbewegung von Cluny angeschlossen hatten. Das "velum quadragesimale", wie das Fastentuch in der lateinischen Kirchensprache auch genannt wurde, fand über die Klosterkirchen auch allmählich Eingang in den Pfarrkirchen und erstreckte sich im 14. und 15. Jahrhundert über den cluniazensischen Klosterverband hinaus über das gesamte Abendland. Schnelle Verbreitung fand das velum quadragesimale im 13. Jahrhundert vor allem in Deutschland, in Österreich, der Schweiz und in Frankreich. Von Synoden den Gemeinden ausdrücklich vorgeschrieben wurde das Fastenvelum in England.
Gründe für die Entstehung Was hat dazu geführt, Altäre und Kreuz, ja den gesamten Altarraum während der vierzig Tage der Österlichen Bußzeit mit großen Tüchern aus dem Blickfeld der Teilnehmer am Gottesdienst verschwinden zu lassen? Die Gründe für die Entstehung der Hungertücher, wie sie im deutschen Sprachraum bezeichnet wurden, sind nicht eindeutig festzumachen. Vermutlich geht ihr Ursprung auf die Bußdisziplin der frühen Kirche zurück. Zu Beginn der Quadragesima nahmen die Christen, die sich eines öffentlich bekannten Vergehens schuldig gemacht hatten, die vom Bischof auferlegte Buße auf sich. Es war üblich, die Büßer nach dem Wortgottesdienst vor Beginn der Eucharistiefeier zu entlassen. Diesem Ausschluss mussten sich auch die Taufbewerber, die sogenannten Katechumenen, anschließen. Die übrige Gemeinde schloss sich zuerst innerlich, später auch in äußerlich erkennbarer Weise den Büßern und Katechumenen an, indem sie ihrerseits der Buße nachkamen und auf die sichtbare Teilnahme an der gottesdienstlichen Feier verzichteten. Dies geschah durch große Tücher, die den Altarraum vollständig verdeckten und die Sicht auf das Geschehen am Altar unmöglich machten. Das Hungertuch verhüllte das am Altar vollzogene Mysterium und ermöglichte eine augenfällige Abstinenz vom sichtbaren Mitvollzug am heiligen Geschehen. Dieses "Fasten der Augen" wurde ergänzt durch das "Fasten der Ohren". Bis in die jüngste Vergangenheit war es vor allem im alpenländischen Bereich üblich, dass in der österlichen Bußzeit die Orgel und die Glocken schwiegen. An ihrer Stelle riefen die sogenannten Rätschen (Klopfinstrumente und Hämmer aus Holz) zum Gottesdienst. Wilhelm Durandus († 1296) gibt den "velum templi" einen zusätzlichen Sinngehalt: "Das Tuch, welches in der Fastenzeit vor dem Altar aufgehängt wird, versinnbildet den Vorhang, der die Bundeslade verhüllte und beim Leiden des Herrn zerriss; nach diesem Vorbild werden heute noch Tücher von mannigfacher Schönheit gewoben."
Eine weitere mittelalterliche Sinndeutung des Fastenvelums: Während der vierzig Tage des Fastens nehmen die Gläubigen die Buße - Verzicht auf die sichtbare Teilnahme am heiligen Geschehen - gerne auf sich. Sie glauben, in der Bußzeit seien sie des Anblicks der Geheimnisse des Opfers Christi am Altar nicht würdig. In der Leidenszeit bleibt die Gottheit Jesu verhüllt - auch darauf sollte die Verhüllung des Altars hinweisen.
Die Riten der Verhüllung des heiligen Bezirks und Geschehens wie der Enthüllung spielen in der Ikonostase der Ostkirche heute noch eine große Rolle. Das Fastentuch in seiner ursprünglichen Bedeutung läßt sich vor allem aus dem Symbol-Charakter von Verhüllung und Enthüllung verstehen.
Ursprünglich nur aus schmucklosem Linnen, wurden die Fastenvelen bald mit reichem Bildwerk bestückt bzw. bemalt. Erste Beispiele sind vier reich bebilderte Fastenvelen von St. Ulrich und Afra in Augsburg. Diese zwischen 1126 bis 1149 entstandenen Tücher existieren zwar nicht mehr, sind uns aber aus einer Beschreibung von 1493 gut bekannt. Die neuen Leinentücher wiesen ab dem 12. Jahrhundert immer häufiger Bildmotive aus der Heilsgeschichte des Alten und Neuen Testamentes auf. Diese Bildgestaltung erscheint auf den ersten Blick als Widerspruch zum eigentlichen Verhüllungszweck der Fastentücher. Johannes Emminghaus erklärt dies so: "Das Tuch will mit seinem Schmuck, der eben mehr als Schmuck ist, darstellen, was verdeckt auf dem Altar geschieht." Reiner Sörries meint, dass gerade die reich bebilderten Fastentücher der Alpenländer paradoxerweise entgegen ihrem Verhüllungszweck zu den eindrucksvollsten bildlichen Entfaltungen der Heilsgeschichte gehören. So verhüllen sie einerseits Bildwerke sowie das heilige Geschehen im Altarraum, andererseits erzählen sie, auf Leinwand gemalt, die biblische Geschichte von der Schöpfung bis zur Wiederkunft Christi.
Die biblischen Darstellungen des Heilsgeschehens auf den Fasten- bzw. Hungertüchern sollten den Gläubigen als katechetische Unterweisung dienen. Sie sollten das vergegenwärtigen und aufschließen, was den Menschen zu ihrem Heil dient. Die Begegnung Gottes mit den Menschen sollte in der bildhaften Darstellung Schritt für Schritt erfahrbar und erfassbar gemacht werden. Auf diese Weise wurde das Fasten- bzw. Hungertuch zu einem katechetischen Medium, das in jenen Jahrhunderten, als die lateinische Sprache den Gottesdienst bestimmte, den Gläubigen den Zugang zum Mysterium des Glaubens auf eine volksnahe, weil anschauliche Weise ermöglichte. Als Biblia pauperum, als "Armenbibel" für die Menschen einer Zeitepoche, da die wenigsten lesen und schreiben konnten, zeigten die Fasten- bzw. Hungertücher vor allem des Spätmittelalters zahlreiche Szenen aus den Büchern des Alten und Neuen Testamentes, die auf eine sorgsam überlegte Auswahl schließen lassen. Die Bilder wollten vor allem den Fortgang der Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Wiederkunft Christi festhalten. Dabei wurde besonderer Wert auf die typologische Deutung alttestamentlicher Vorgänge gelegt, die im Neuen Testament ihre Erfüllung fanden. Auf dem Gurker Fastentuch zeigt sich dieses Anliegen z. B. in der Darstellung des in seinem Bett liegenden Isai, der "im Schlaf die Frucht des Baumes" sieht, nämlich die Gestalt der Mutter Maria, die ihr Kind auf dem Arm hält. Dieses Bildmotiv will verdeutlichen, dass mit dem "Reis aus der Wurzel Jesse" (Jes 11, 1) Jesus als der verheißene Messias gemeint ist. Als literarische Grundlage für die biblischen und säkularen Bildmotive der Fasten- bzw. Hungertücher des frühen Mittelalters dienten vor allem zwei Werke, die sich im 14. und 15. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten. Die Biblia pauperum, d. h. die Armenbibel brachte alttestamentliche Geschehnisse und vor allem Aussagen der Propheten in einen typologischen Zusammenhang mit dem Evangelium des Neuen Bundes, in dem sich die Verheißungen des Alten Testamentes erfüllten.
Eine weitere Vorlage bot das Werk "Speculum humanae salvationis" (Heilsspiegel), das aus dem Jahr 1324 stammt. Hier wurden Szenen der Bibel bzw. der jüdischen Legende mit Begebenheiten aus der heidnischen Profangeschichte bzw. Mythologie verknüpft. Auf dem Gurker Fastentuch werden z. B. der Besuch Alexander d. Gr. in Jerusalem und seine Huldigung vor dem Hohenpriester symbolisch gedeutet als Unterwerfung der Heidenwelt vor Christus, dem Hohenpriester des Neuen Bundes. Die tödlichen Stiche, die Caesar von seinen Mördern empfing, sind typologischer Hinweis auf jene Wunden, die Jesus zur Rettung der Menschheit empfangen hat.
Funktionswandel der Fasten- bzw. Hungertücher Die Fasten- bzw. Hungertücher haben im Lauf der Jahrhunderte einen beachtlichen Funktionswandel durchgemacht. Ursprünglich besaßen sie eine überwiegend verhüllende Funktion. Als schmuckloses "velum templi" dienten sie der "Askese der Augensinnlichkeit", waren sichtbares Zeichen der Buße. Eine symbolische Funktion bekamen sie bei jenen, die im "velum templi" das Verbergen der Gottheit Christi sahen. Die reich bebilderten Fasten- bzw. Hungertücher, die mehr zeigten als verbargen und mehr offenbarten als verhüllten, hatten später eine erzählerische und damit didaktisch-katechetische Funktion. Nikolaus Grass meint dazu, die so verstandenen Fasten- bzw. Hungertücher wollten "der des Lesens unkundigen Gemeinde die Heilsgeschichte in Bildern vor Augen stellen, um die für die Fastenzeit... geziemende seelische Stimmung beim Volk hervorzurufen. Sie bildeten eine Art Armenbibel." Walter Heim schließlich nennt die Hungertücher ein "Spezifikum der Fastenzeit" und ein "liturgisches Kommunikationssymbol der kirchlichen Gemeinschaft in der Zeit der Ostervorbereitung." Das Aufhängen der Tücher geschieht als Antwort auf die beginnende Österliche Bußzeit. Die Bilder der Tücher haben dabei jedes Mal einen neuen und hohen Aktualitätswert.
Verbreitung der Fasten- bzw. Hungertücher Kärnten, der alemannische Raum mit Oberschwaben, Bodenseegebiet, Schweiz und Elsass sowie Westfalen sind bis heute Traditionsinseln der historischen Fasten- bzw. Hungertücher. Im alemannischen Gebiet, vor allem in der Schweiz, fielen viele Fastentücher dem reformatorischen Bildersturm zum Opfer und werden z. T. erst in jüngster Zeit wiederentdeckt. Das größte und schönste dieser Region befindet sich im Freiburger Münster. Es stammt aus dem Jahre 1612 und hat eine Größe von 12,95 m x 10,00 m.
Kärnten besitzt aus dem Zeitraum von 1458 bis 1629 noch neun vollständig erhaltene Fastentücher. Wir finden dort einen außerordentlich großen Schatz an gotischer Malerei, vor allem in Form herrlicher Fresken in zahlreichen Kirchen. An diese Tradition knüpfen die Fastentücher des 15. und 16. Jahrhunderts an. An den Kärntner Fastentüchern läßt sich die kulturgeschichtliche Entwicklung des velum quadragesimale gut verfolgen. Das gotische Fastentuch im Dom zu Gurk (1458) nimmt aufgrund seines Alters, seiner Größe sowie der Vielfalt seiner Bildmotive unbestritten den ersten Rang aller österreichischen Fastentücher ein. Die 88,7 m² große Bilderwand zeigt in 99 rechteckigen Feldern 108 Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament. Das Fastentuch findet zahlreiche Nachahmungen, in Haimburg (1504) genauso wie in Reichenfels (1520), Steuerberg (1540), Baldramsdorf (1555) und Millstatt (1593). Das Millstätter Tuch entspricht in stilistischer Hinsicht der lokalen Kärntner Maltradition am Übergang von der Spätgotik zum Frühbarock. Die Periode der großen, schachbrettartig angeordneten Bildmotive endet 1629 mit dem Fastentuch in der St. Georgs-Kirche von Großsternberg oberhalb von Velden. In der Folge entstehen kleinere Fastentücher, die von einer einzigen, formatfüllenden Passionsszene beherrscht werden.
Ob Bischof Johannes Schallermann aus Soest, der von 1432 bis 1453 Bischof von Gurk war, aus seiner Heimat den Brauch des Fastentuches nach Kärnten brachte, ist umstritten. Jedenfalls finden wir in Westfalen die dritte Traditionsinsel für die historischen Fasten- bzw. Hungertücher. Während in Kärnten und im alemannischen Gebiet die reich bebilderten Fastentücher aus Leinen vorherrschen, finden wir in Westfalen Hungertücher (volkstümlich "S[ch]machtlappen" genannt) vor allem in der Filetarbeitstechnik. Nach der Reformationszeit dienten auch hier die Tücher weniger der Verhüllung als der Illustration. Als Bildinhalte wurden dabei meistens die Leidenswerkzeuge, die Passion Christi und im 17. und 18. Jahrhundert Pflanzen- und Tiermotive dargestellt. Mehr als zwanzig kostbare Fastentücher aus dem 17. bis 19. Jahrhundert sind noch gut erhalten. Als bedeutendstes Werk gilt das Telgter Hungertuch aus dem Jahr 1623 mit einer Gesamtgröße von 7,40 m x 4,40 m, das bis ins 19. Jahrhundert viele Nachahmer gefunden hat.
Verwirrende Namensvielfalt In den mittelalterlichen Quellen werden die Fasten- bzw. Hungertücher "velum quadragesimale" und in Anlehnung an das Schlusswort bei Mk 15, 38 (...et velum templi scissum est) "velum templi" genannt. Im östlichen Alpenraum und damit vor allem in Kärnten kennt man sie unter dem Namen "Fastentücher". In Tirol findet man gelegentlich die Bezeichnung "Leidenstücher". Im niederdeutschen Sprachgebrauch haben sie die Bezeichnung "S[ch]machtlappen". In der Schweiz, in Schwaben und im Elsass (also im alemannischen Sprachraum), aber auch in Westfalen und in Sachsen werden sie "Hungertücher" genannt. Bereits 1306 findet man in einer münsterschen Chronik den Ausdruck "hungerdoeck". Fasten, hungern, aber auch schmachten deuten darauf hin, dass man im deutschen Sprachraum die Quadragese tatsächlich als echte Abstinenz verstanden hat. So predigte der Straßburger Leutpriester Geiler von Keysersberg: "Dich sol leren das Hungertuch - so man ufspannt - Abstinenz und Fasten." Die Fastenzeit wurde während des Mittelalters vor allem bei den kleinen Leuten als Hungerzeit empfunden. Die Redensart "am Hungertuch nagen" bezieht sich auf diesen ursprünglichen Sinn von "Mangel leiden" und "arm leben". So hat der Nürnberger Schuhmacherpoet Hans Sachs gereimt: "Ich füll mein Wanst und wasch mein Kragen, lasz Weib und Kind am Hungertuch nagen." Einige Autoren weisen darauf hin, dass sich das "nagen" auch auf das niederdeutsche "najen = nähen" bezieht und einen Hinweis darauf bietet, dass z. B. die münsterländischen Hungertücher in der Technik der Netzstickerei mit der Nadel gefertigt wurden.
Neuere Geschichte der Hungertücher Viele Gründe haben zum Verschwinden der Hungertücher geführt. Am stärksten hat wohl der Einspruch Martin Luthers dazu beigetragen, dass zahlreiche Formen katholischen Brauchtums wie die Hungertücher in Vergessenheit geraten sind: "Die festen, palmtag und marterwochen lassen wir bleiben... doch nicht also, das man das hungertuch, palmen schiessen, bilde decken, und was des gaukelwerks mehr ist, halten soll." Wo die Reformation mit der Bilderfeindlichkeit einherging, verschwanden auch, vor allem in den reformierten Kantonen der Schweiz, die Hungertücher. Im Zuge der Gegenreformation wuchs in den katholisch gebliebenen Gebieten auf der einen Seite das Schaubedürfnis der Gläubigen; die Elevation der Hostie wurde zentraler Bestandteil des Gottesdienstes. Die Verhüllungsfunktion der Hungertücher fand kein Verständnis mehr. Auf der anderen Seite traten im Rahmen der Passionsfrömmigkeit Heiliggräber, Fastenkrippen und Kreuzweg in Konkurrenz zu den Hungertüchern.
Die Hungertücher selbst wurden in nachreformatorischer Zeit kleiner im Format und boten großflächige Darstellungen des Leidens Jesu sowie seiner Leidensinstrumente. Das wird deutlich vor allem am Beispiel der westfälischen Hungertücher. Die Aufklärung mit ihren neuen Vernunftsidealen versetzte schließlich dem alten Brauch des Fasten- bzw. Hungertuches den Todesstoß. Während im Mittelalter bald jede Kirche solche Tücher besaß, haben vielleicht einhundert Exemplare die Zeit überdauert. Viele wanderten als "alter Plunder" in den Müll, manche kamen über den Kunsthandel in Museen, nur in seltenen Fällen haben ungebrochene Traditionen zum Erhalt der kostbaren Zeugnisse mittelalterlicher Volksfrömmigkeit beigetragen.
Die Neubelebung durch MISEREOR Das Bischöfliche Hilfswerk Misereor hat 1976 den fast vergessenen Brauch des Hungertuches wieder aufgegriffen. Meine damaligen Vorüberlegungen sind bei Walter Heim dokumentiert: "Im Rahmen der Vorüberlegungen für die Fastenaktion war uns bewusst, dass es mehr und mehr zur Aufgabe von Misereor gehören wird, Entwicklungshilfe / Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr nur als finanzielle Einbahnstraße zu verstehen, sondern als partnerschaftlichen Austausch von Impulsen, den gerade die Gemeindepastoral hierzulande nötig hat. Bekehrung, Umkehr - diese alten biblischen Vokabeln sollten für den heutigen Christen bedeuten, dass er sich angesichts der Werte anderer Kulturen und Ortskirchen infrage stellen lässt, dass er wieder lernfähig und lernbereit wird. Im Rahmen dieser Überlegungen kamen wir auch zu den Leitthemen der folgenden Jahre. Es wurde uns klar, dass es darauf ankommen würde, die fremden Brüder und Schwestern nicht nur zu akzeptieren, sondern in ihnen gleich-, beziehungsweise in manchen Dingen sogar höherwertige Partner zu erkennen. Doch wie kann man glorreiche Theorien aus dem Bereich der Großbuchstaben in machbare Schritte umsetzen? Mir kam dann der Gedankenblitz, man könnte doch die mittelalterlichen Hungertücher revitalisieren und mit einer neuen Botschaft von 'draußen' versehen. Ich komme selbst aus dem süddeutschen Bereich (Bodenseegegend), wo diese Hungertücher u.a. zuhause sind."
In der "Auftragsvorlage" an den Künstler des ersten Misereor-Hungertuches, Jyoti Sahi aus Bangalore, die den Titel trug: "Ein alter liturgischer Brauch, neu entdeckt für die heutige Weltsituation", wurde bewusst die alte Tradition aufgegriffen. Das neue Misereor-Hungertuch sollte aber - nicht zuletzt wegen der aus technischen Gründen eingeschränkten Größenordnung - nicht an die ursprüngliche Verhüllungstradition, sondern an den Symbolgehalt sowie die didaktisch-katechetische Funktion der mittelalterlichen Fasten- bzw. Hungertücher anknüpfen. Das von Misereor neu belebte Hungertuch will dabei nicht nur die bildliche Darstellung der alten Fastenvelen vom Heilshandeln Gottes mit der Welt den Gläubigen während der Österlichen Bußzeit nahe bringen, sondern zum mitvollziehenden Heilshandeln des Menschen für den Mitmenschen einladen. Die Misereor-Hungertücher wollen außerdem eine "Botschaft von draußen" vermitteln. Von gläubigen Christen aus Afrika, Asien und Lateinamerika gemalt, ermöglichen sie eine Begegnung mit dem Leben und Glauben von Menschen und Christen anderer Kulturen. Die dabei gewonnenen Einsichten beinhalten immer auch eine Anfrage an unser eigenes Christ sein und den eigenen Lebensstil.
Die bisherigen Misereor-Hungertücher verbanden die Zielsetzung von Misereor mit dem Gründungsauftrag, "dem einzelnen ins Gewissen zu reden, damit er so sein Heil wirke in der Barmherzigkeit, die er übt und die er darin findet" (Kardinal Frings, Köln 1958). Alle bisherigen Hungertücher haben die Verkündigung Jesu sowie die Botschaft seines Todes und seiner Auferstehung aus der je unterschiedlichen Lebens- und Glaubenswirklichkeit der Künstlerinnen und Künstler heraus interpretiert. Im Laufe der Jahre wurden die Misereor-Hungertücher zu Schaubildern des Glaubens, die mit ihrer eindrucksvollen Bildsprache wichtige Zeugen geworden sind für die Bedeutung der Fastenzeit als der hohen Zeit für Bekehrung, Umkehr und neues Leben.
(aus: Hoffnung den Ausgegrenzten. Das Hungertuch von Sieger Köder. Hrsg. von Erwin Mock. 2. Auflage 1996. S. 6-17.)
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